Bulgarien und die Corona-Krise

Die These: Je weniger Vertrauen in das System v o r COVID-19 bestand, desto schwieriger und langwieriger wird der Kampf gegen COVID-19 sein. Und es kommt nicht nur auf die ergriffenen Maßnahmen an, sondern wie die Gesellschaft auf diese reagiert.

In Bulgarien wurden auf einmal Erinnerungen an die Zeit des Kommunismus wach: Ausgangssperren und Überwachung (via Tracking-Apps). Der Corona-Krisenstab musste erst einmal besänftigen, bevor er sich dem Kampf gegen das Virus widmen konnte.

Ja, die Bulgaren haben den Größenwahn, die Arroganz und Respektlosigkeit der heimischen Politiker längst satt. Das Vertrauen in die Regierenden ist so gering, dass selbst neue Politiker und Experten kaum eine Chance haben, noch bevor sie überhaupt das Wort ergriffen haben.

Seit über einem Monat leitet General-Leutnant Dr. Ventislav Mutafchijski den Krisenstab in der Bekämpfung gegen das Coronavirus. Keine leichte Aufgabe, angesichts der Tatsache, dass die Gesellschaft generell ein Problem mit denen „da oben“ hat. Die drastischen Maßnahmen, die Dr. Mutafchijski und sein Team beschloßen haben unterschieden sich wenig von denen in Spanien oder Italien – doch die Bevölkerung in Bulgarien reagierte emotionaler und ängstlicher. Vergleiche mit dem Kommunismus, Memes mit Stalin und die Frage, ob die derzeitige Demo-Version des Kommunismus allen gefallen hätte, fluteten die sozialen Netze. Dabei wird die Verwendung von Tracking-Apps zur Bekämpfung von COVID-19 auch in Deutschland diskutiert. Aber für die Bulgaren ist das keine Beruhigung. Gleichzeitig ist Bulgarien aber weit davon entfernt, ein zweites Ungarn zu werden, wo der Ministerpräsident per Dekret regiert. Ja, der Krisenstab hat auch Fehler gemacht – wie jeder andere weltweit, der von der Krise überrollt wurde. 

Die Menschen – erschöpft von den Jahrzehnten der endlosen Transformation – sind aggressiv und ungeduldig geworden. Neulich wurden die Ärzte eines Krankenhauses in Sofia massiven Hasskommentaren ausgesetzt, weil diese eine Spende abgelehnt haben. Der Grund: Der Spender, ein großes, weltweit agierendes bulgarisches Unternehmen, wollte Beatmungsgeräte spenden, aber nur unter der Bedingung, dass die Mitarbeiter dieses Unternehmens bevorzugt behandelt werden. Wie kann es sein, dass ein Krankenhaus diese Technik ablehnt? – liefen die Kommentatoren im Internet Sturm. Na weil genau das Machtmissbrauch und Korruption ist, den genau diese Kommentatoren sonst satt haben.

Eine fragile Gesellschaft vor COVID-19 hat in der Krise nun nur wenig Respekt und Vertrauen in die Entscheidungen eines Krisenstabs. Unabhängig davon, ob diese Entscheidungen richtig oder falsch sind. Es geht nicht darum, alle Maßnahmen kritiklos hinzunehmen, aber es geht zu weit, diese direkt mit Kommunismus und Diktatur zu vergleichen.

Bulgarien reagiert gar nicht mal so anders wie Spanien und Italien – nur dass Bulgarien noch Glück hat und die Epidemie im Land nicht so eskaliert ist, wie in anderen Südländern. Sollte es dazu kommen, dann ist die Katastrophe vorprogrammiert. Die bulgarischen Ärzte sind in Scharen ins Ausland ausgewandert, wo sie mehr Geld, bessere Konditionen und deutlich mehr Respekt erhalten.

2 Gedanken zu „Bulgarien und die Corona-Krise

    • Ich danke Ihnen vielmals für den sehr konstruktiven und informativen Kommentar. Ich werde Ihre fundierten Kenntnisse für meine weitere Arbeit ganz bestimmt berücksichtigen. Mit freundlichen Grüßen, Rayna Breuer

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