„Wenn sie bloß wüssten, was passiert…“

„In Bulgarien kann jedem etwas passieren“, sagte Katya Ilieva am 10. Januar in einer berühmten Fernsehshow. Ilieva hat zuvor sieben Jahre für die Behörde ГДБОП gearbeitet. Diese Behörde unterliegt dem Innenministerium und hat zum Ziel, die organisierte Kriminalität zu bekämpfen. Wie sie das macht und vor allem nicht macht, das hat Ilieva mit vielen Fakten und Namen offengelegt. 

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Die EU-Ratspräsidentschaft kommt, und der Rakija wird versteckt

Was man nicht alles macht, um dem Gast aus Brüssel zu gefallen:

Man macht sich hübsch: Hier noch eine Falte mit Asphalt zuschütten, da noch einen eitrigen Pickel vertuschen. Das Zentrum von Sofia war mehrere Monate lang eine einzige Baustelle – es wurde poliert, renoviert, saniert wie noch nie zuvor. Denkmäler aus der sozialistischen Zeit wurden entfernt, denn Bulgarien ist ja europäisch. Die Vergangenheit wurde ausradiert, selbst in den Schulbüchern werden Todor Zhivkov und Co. kaum erwähnt. Dass es damals Arbeitslager gab, muss ja keiner wissen. Die strahlende Zukunft liegt vor uns. (Mir ist grad, als hätte ich ein Deja-Vu)

Man versteckt ungeliebte Familienmitglieder: Und so verweist man den rechtspopulistischen Koalitionspartner in die zweite Reihe. Bloß keine rassistischen Äußerungen und keine Fotos in SS-Uniformen in den nächsten sechs Monaten. Beherrscht Euch jetzt mal. Danach könnt ihr weitermachen, denn mit Hassreden gegen Roma wird man Vizepremierminister und Verantwortlicher für Demografie und Minderheiten. Passt wie Faust aufs Auge.

Man verzichtet eben auch auf lieb gewonnene, um nicht zu sagen überlebensnotwendige, Traditionen: Der „kleine“ Rakija wird für die Ratspräsidentschaft von 50 ml auf 25 ml reduziert. Er wird also nicht in Wassergläser geschüttet und mit eingelegtem Gemüse serviert. Sondern in sympathischen Gläsern mit langem Hals und mit Antipasti dargereicht. Zwar betrifft diese Regelung nur die Veranstaltungen, die mittelbar mit der EU-Ratspräsidentschaft etwas zu tun haben, aber dennoch: Der Bulgare fühlt sich verraten. Irgendwie gekränkt. Irgendwie ausgenutzt.

Man muss vortäuschen, was man nicht ist. Aber das werden die bulgarischen Politiker schaffen, da bin ich mir ganz sicher. Sie täuschen eh die ganze Zeit Demokratie und Rechtsstaat vor. Nur vor Gott haben sie Angst. Wie ein ehemaliger Generalstaatsanwalt gesagt hat: „Über mir ist nur Gott.“ Das Recht spielt keine Rolle, es ist irgendwo da unten. Und so müssen Unternehmen zittern, ihre Zulassung nicht willkürlich aberkannt zu bekommen (LINK) oder mit dem Einfrieren ihrer Kapitaleinlagen nicht erpresst zu werden (LINK). Das betrifft zwar in der Regel bulgarische Unternehmer, aber auch ausländische Unternehmer machen sich langsam Sorgen (LINK).

Vereinen und Nichtregierungsorganisationen sollte die Finanzierung aus dem Ausland verboten werden, und nur durch einen Aufschrei im Ausland ist die Politik wieder zurückgerudert (LINK).

Nun in den kommenden sechs Monaten wird man ganz brav und unschuldig gucken, und hoffen, dass 25 ml Rakija ausreichen, um den ausländischen EU-Gästen die Köpfe zu verdrehen und den Elefanten im Raum zu ignorieren. Nazdrave.

Die 90er lassen grüßen

Gestern (18.12.2017) am frühen Morgen wurde im Zentrum von Sofia Ivo Stamenov, Chef der Steueraufsichtsbehörde in der Agentur für Einkünfte, angeschossen. Diese Abteilung wurde erst vor 3 Jahren gegründet und hat zum Ziel, die kriminellen Praktiken in Zusammenhang mit der Umsatzsteuer zu bekämpfen. Auf der Liste der Kontrolleure stand u.a. der Handel mit Obst und Gemüse und anderen Lebensmitteln aber seit ein paar Monaten auch der Handel mit Brennstoffen. Laut einer Untersuchung des Zentrums für Demokratieforschung aus dem Jahr 2012 kostet die Hinterziehung der Mehrwertsteuer das Land jährlich umgerechnet 350 Millionen Euro. (Quelle auf Bulgarisch: file:///Users/rayna/Downloads/BOCTA_bg_full_pdf.pdf)

Man könnte jetzt sagen, Bulgarien hat ja Bitcoins und könnte alles ausgleichen, aber Scherz bei Seite. Es geht um die kriminellen Machenschaften in diesem Land, die unbestraft und laut Medienberichten unter dem Schutz der Staatsanwaltschaft und der Politik weiter das Land in Richtung Abgrund ziehen.

Aylyak – Yoga auf Bulgarisch

Was ist immer wieder los im Dezember? Alle arbeiten als gäbe es kein Morgen mehr. Der Glühwein wird schnell runtergespült, zwei Plätzchen auf einmal in den Mund gestopft, die Projekte hastig zu einem Disaster, also Ende, geführt. Ich gehöre zu dieser Dezember-Arbeiterklasse. Aber gut, dass ich ab und zu mal meine Therapeutin, also meine Oma, um Rat bitte. „Aylyak, aylyak“, meinte sie. Das Wort hatte ich schon vergessen. Aber mich daran zu erinnern, tat gut. Hier etwas, was ihr von den Bulgaren lernen könnt.

Aylyak ist ein türkisches Wort, das in Bulgarien eine gute Umsetzung gefunden hat. Buchstäblich übersetzt heißt es Leerlauf, aber die Bulgaren haben viel mehr daraus gemacht. Es ist Entspannung, Entschleunigung und Lässigkeit. Es ist eine Lebensart, die vor allem an der Schwarzmeerküste mit dem Wort Alltag gleichzusetzen ist. Deswegen nehmen es die Bulgaren mit dem Wort Stress auch nicht so genau. Ich praktiziere jetzt Aylyak. Oder eher Halb-Aylyak, das ist die deutsche Version.

Serbien im Oktober

Am 5. Oktober 17 Jahre später stehen die Leute in Belgrad nicht auf der Straße und verjagen einen allmächtigen Politiker, sondern sitzen rauchend in ihren Autos im Stau.

Wenn Du parken möchtest, musst Du kreativ sein. Sehr kreativ. Parken auf dem Bürgersteig ist auf der Kreativitätsskala ganz unten. Da musst Du Dir schon was besseres einfallen lassen.

Am 15. Oktober wird die Heizung angemacht – zentral. Und wenn vorher die Hühner schon im Stall gefrieren, Gesetz ist Gesetz. Das Land dreht erst am 15. den Hahn auf.

Nicht-Raucher haben keine Rechte. Absolut nicht. Nirgendwo.

Bor ist nicht am A… der Welt, sondern in Zentralserbien – zumindest laut App.

Wenn Du jemanden bittest, eine Nachricht an jemanden zu schicken, dann schreit er solange durch das Treppenhaus, bis auch der letzte die wichtige und/oder private  Nachricht gehört hat, während Du Dir noch die Ohren zuhältst.

Und wie immer: Mein Stempel von meiner letzten Kosovo Einreise wurde von dem sehr engagierten Polizeibeamten am Belgrader Flughafen überstempelt. Immerhin hat er sich viel Zeit genommen aus den vielen Balkan-Stempeln in meinem Pass den „richtigen“ zu finden. Diesmal wurde der kosovarische Stempel wenigstens nicht „annulliert“, sondern lediglich mit dem Ausreisestempel Serbiens versehen.

Erdogan kommt morgen. Mit einer Delegation von 150 Unternehmern. Überall türkische Flaggen in Belgrad. Untypisch. Money, money, money. Must be funny. In the rich men’s world.

Am Ende gewinnt doch immer die Liebe. Zumindest im Supermarkt: kroatische „Bajedere“ und „Serbia“ Schokolade nebeneinander. Eine süße Verführung? Oder doch Zwangsehe?