Russisch für Fortgeschrittene

“Fährt er nach Sozopol?”, fragt mich meine Sitznachbarin auf Russisch. Ja, antworte ich und hoffe, dass sie meine eingerosteten Russischkenntnisse nicht weiter in Anspruch nimmt. Aber sie tut es: Sie sei gerannt, um den Bus zu kriegen. Die Hitze könne sie nicht ausstehen. Wie lange dauere die Fahrt. Ich antworte fleissig auf Russisch und bin von ihrem Lob über mein Russisch geschmeichelt, dass es mir sogar nichts ausmacht, als sie all ihre Einkaufstüten unter meinen Beinen verstaut.

„Ich bin schon hier“, steht es auf einem T-Shirt. Gesehen auf dem Markt in Burgas.

Ich war echt verblüfft, zu sehen, wie viele Russen es mittlerweile in Bulgarien gibt. Halb Russland ist hier, so scheint es mitunter. Obwohl Putin gesagt haben soll, dass die Russen dieses Jahr nicht nach Bulgarien fliegen dürfen. So wütend war er, als die bulgarische Regierung Southstream gestoppt hat – auf Anweisungen der EU. Das war für Russland ein Schock, und Putin nimmt solche Sachen bekanntermaßen sehr persönlich. Und so verbot er seinen Leuten, bulgarisches Land zu betreten. Da hatte er aber vergessen, dass viele tausende Russen bereits permanent hier leben und Eigentum haben. Alles schön und gut, hab nichts dagegen. Schließlich tragen sie was zum BIP bei. Das haben viele kapiert: Russische Zeitungen liegen ganz oben auf der Verkaufstheke, Restaurantbesitzer haben das Menü natürlich auf Russisch und Klimaanlagenverkäufer tragen ein kleines Wörterbuch dabei. Was man nicht alles für den Kunden macht, vor allem für den Russischen.

Aber dieses Sprachselbstverständnis, das konnte ich nicht verstehen. Sie sprechen Russisch, als ob hier jeder Bulgare Russisch sprechen muss. Dabei ist der russischpflichtige Unterricht vor 20 Jahren abgeschafft worden. Und da die junge Generation nur Englisch und Deutsch spricht und die Russen auf ihr Russisch beharren, sind die Situationen oft komisch, nicht selten tragisch – oder beides. So musste der Bussfahrer, der leider kein Wort verstanden hat, was ihm ein junger Russe sagen wollte, direkt erst mal eine Zigarette anmachen und an Putins Adresse etwas richten. Er vielleicht nicht, aber viele hier in Bulgarien werden es machen: Russisch lernen. Schadet nicht. Und wenn das so weiter geht, wird in ein paar Jahren die Mehrheit Russisch sprechen können. Und wenn Southstream wieder streamed und Putin wieder Bulgarien gesonnen gegenüber steht, dann lohnt es sich umso mehr. Die Russen haben Bulgarien fest im Griff – hat das keiner gesehen?

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