Die Kunst des Widerstands

Kein Widerstand, kein Prager Frühling, kein 17. Juni, kein 56er Aufstand. Bulgarien galt als der treueste Satellit der UdSSR, so ist das Land bis heute in Erinnerung geblieben. Die Liebe Sofias zu Moskau – grenzenlos. Todor Zhivkov soll mehrfach sein Land als 16. Sowjetstaat angeboten haben.

Nur Gehorsam also? In ganz Bulgarien? Nein! 

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Auch in Bulgarien gab es viele Widerstandskämpfer, deren Stimme jedoch zum Schweigen gebracht wurde. Heute vergessen und ausradiert aus der Geschichte wollen diese Stimmen wieder gehört werden – müssen gehört werden.

Ein Vierteljahrhundert nach dem Fall des Sozialismus zeigte zum ersten Mal eine Ausstellung das Leben und Leiden der Künstler im sozialistischen Bulgarien. Die Ausstellung über den Widerstand in der Kunst hat die Gesichter und Werke jener in Bulgarien gezeigt, die sich der kommunistischen Diktatur nicht beugen wollten. Es war lange Zeit ein gesellschaftliches Tabu, ein Thema, mit dem sich keiner beschäftigen wollte.

Die Kunst – Propaganda und Widerstand zugleich

Die Kunst als Übersetzer der politischen Idee. Die Kunst als Vermittler von einer Identität, der sozialistischen Identität. Die Kunst im Sozialismus durfte nicht kritisieren, nicht auf die Missstände hindeuten, nicht frei sein. Ihr Ziel: Die Politik zu unterstützen, zu glorifizieren und schön zu reden. Die Kunst sollte helfen, das Bild vom einer glücklichen sozialistischen Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Selbst treue Kommunisten und Parteimitglieder, die sich lautstark für eine Trennung von Kunst und Politik einsetzten, wurden massiv bedrängt. Die Staatsmacht hatte längst die Kunst als Vehikel entdeckt, ihre Ideologie massentauglich zu machen.

Alles, was sich nicht an den sozialistischen Kanon gehalten hat, wurde als formalistisch, als westliche Diversion, westliche Unterwerfung abgestempelt. Formalismus – wer sich das getraut hatte, musste mit Sanktionen rechnen. In den ersten Jahren des Regimes waren die Repressalien für Freidenkende besonders hart. Die Maßnahmen zur Umerziehung zur sozialistischen Ideologie waren dabei vielfältig. Einige Künstler wurden in das größte Lager auf bulgarischem Territorium, Belene, auf einer DonauInsel, deportiert. Etwa 44 solcher „Arbeiterumerziehungslager“ wurden in Bulgarien errichtet.

„Der Künstler Genko Genkov wurde zum Beispiel in die Psychiatrie eingewiesen, in eine so genannte Strafpsychiatrie. Obwohl er keine Schizophrenie hatte, wie ihm die Ärzte attestierten. Später hat der Arzt zugegeben, dass er eine falsche Diagnose ausgestellt hat“, erzählt Krasimir Iliev, der Kurator der Ausstellung.

Andere Künstler hätten den Kontakt mit der Außenwelt von sich aus abgebrochen. Sie gingen in eine „innere Emigration“, so lautete der Fachbegriff. Einige wenige, wie der berühmte Umhüllungskünstler Christo (Geburtsname: Hristo Javashev), haben Bulgarien verlassen. Christo flüchtete mit 21 Jahren zuerst in die Tschechoslowakei, dann nach Österreich. Die Freiheit macht ihn schließlich zu dem, was er geworden ist – einen weltberühmten Künstler. Seine Kommilitonen in der Kunstakademie blieben – und verloren.

Keine Aufarbeitung gewünscht

Bulgarien tut sich schwer, sehr schwer mit der eigenen Aufarbeitung. Die Archive wurden jahrelang unter Verschluss gehalten, keine Lustration, kein Wille, die Geschichte aufzuarbeiten. Die Archive werden nicht als historische Quelle gesehen, sondern als politisches Instrument. Solange diese Praxis besteht, kann es keine Aufarbeitung geben. Wer die Macht hat, kontrolliert die Erinnerung. Und diejenigen die Macht hatten, wollten keine Erinnerung an den Sozialismus.

„Auf der einen Seite besteht immer noch Angst, in die Vergangenheit zu wühlen und sie ins Licht zu führen. Es gibt wenig wissenschaftliche Arbeiten über die Kunstschaffenden im Sozialismus. Die Periode 1944 bis 1956 ist aus Sicht der Kunst gar nicht erforscht. Es gibt auch eine andere Sicht, die derzeit in Bulgarien weit verbreitet ist. Viele sagen, es gab damals keinen Widerstand, alle haben mit dem Regime kooperiert, aber das sind hier alles Beweise dafür, dass es nicht so war“, sagt Iliev. Hinter ihm steht in großen schwarzen Buchstaben auf weißer Wand geschrieben: „Weder der Frieden, noch der Krieg, weder der Wohlstand, noch der Aufbau, weder die Stärke, noch das Lob haben einen Wert, wenn sie in Angst ertränkt sind.“ (Iliya Beshkov, 1950) 

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Iliev zeigt die Schicksale derjenigen, die ihre Kunst nicht dem sozialistischen Kanon unterwerfen wollten. Zwei Jahre hat der Kurator in den dunklen Kammern der Archive verbracht und mühselig die Akten zusammengesucht. 140.000 von ihnen wurden verbrannt, wenig ist übrig geblieben. Es ist ein schmerzvolles Kapitel für Bulgarien. Dieses Kapitel haben nur wenige gelesen, wollen nur wenige lesen. Die eigene Aufarbeitung – ungewollt.

„Hier befinden wir uns in einem abgedunkelten Raum in der Ausstellung, wo ich Teile der Akten aufgehängt habe. Sie zeigen wie die Maschine der Staatssicherheit die Menschen der Künste unter Kontrolle halten und bezwingen wollte. Wir müssen die Akten lesen, um überhaupt zu wissen, was in jener Zeit passiert ist. Zwar ist ein Großteil vernichtet, aber einige Krümmel sind uns erhalten geblieben. Daran erkennen wir die Methoden der Regierenden, welche Künstler überwacht wurden. Es sind Teile unserer Geschichte, die wir kennen müssen“

„Ich bin Künstler und ich wollte meine Kunst machen, im Bulgarien von damals war das unmöglich“ – ein Zitat von Christo fängt meinen Blick.

Heute ist es möglich, dass die Bulgaren mehr über den Widerstand der Künste in Bulgarien erfahren. Eine längst überfällige Ausstellung, die die Aufarbeitung der bulgarischen Gesellschaft ein Stückchen voranbringt.

Ein Gedanke zu „Die Kunst des Widerstands

  1. Widerstand wogegen? Gegen den Sozialismus, für eine Fortsetzung der kapitalistischen Ausbeutergesellschaft? Ja, Bulgarien tut sich schwer. Die bulgarischen Menschen haben immerhin erlebt, wie die Nacht des Faschismus auch ihr Land und die Seelen der Menschen verwüstet hat. Und sie haben mit Dankbarkeit 1945 die sowjetischen Befreier gefeiert. Auch einen Georgi Dimitroff, der im Reichstagsbrandprozeß mutig gegen die deutsch-faschistischen Brandstifter auftrat, der1949 von der Reaktion ermordet wurde und dessen „Briefe an Stalin“ heute gefälscht werden, ist nicht vergessen. Auch Bulgarien weiß, daß es im Sozialismus soziale Sicherheit gab, keine Ausbeutung und keine Arbeitslosigkeit und keine Beteiligung an imperialistischen Kriegen. Das haben auch die bulgarischen Künstler stets zu würdigen gewußt!

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