Der Balkan an der Grenze zwischen Ost und West

„Ein Gespenst geht um die westliche Kultur – das Gespenst des Balkans. Alle Mächte haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet: Politiker und Journalisten, konservative Akademiker und radikale Intellektuelle, Moralisten jeder Art, jeden Geschlechts und jeder Richtung.“ (Maria Todorova: Die Erfindung des Balkans. Europas bequemes Vorurteil, Darmstadt 1999)

Meinen ersten Bericht möchte ich dem Terminus „Balkan“ widmen. Dabei werde ich der Frage nach dem Ursprung, Bedeutung und Perzeption des Begriffs nachgehen. Doch bevor ich mich auf den symbolischen Wert des Wortes konzentriere, möchte ich mit einem allgemeinen geografischen Exkurs beginnen.

Das Balkangebirge erstreckt sich quer ca. 550km durch das heutige Bulgarien. Es beginnt an der bulgarisch-serbischen Grenze und endet am Kap Emine am Schwarzen Meer. Das „Alte Gebirge“, wie es von der hiesigen Bevölkerung genannt wird, bekam die Bezeichnung Balkan von den Osmanen, die im 14. Jahrhundert die Halbinsel besetzten. Der ursprüngliche antike Name war Hajmus oder auch Hemus, was soviel wie Grenze bedeutet. „Grenze“ ist ein gutes Stichwort, um in die sensible Thematik der eigentlichen Bedeutung des Wortes einzusteigen.

Der Balkan spielte in der Geschichte immer wieder die Rolle einer imaginären Brücke zwischen Ost und West, zwischen Orient und Okzident, zwischen unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Dabei bildete er die Grenze zwischen Orientalismus und Europäismus, zwischen Byzanz und Rom. Der Balkan war aber auch der Schauplatz, an dem viele Großmächte ihre Kräfte gemessen haben – das zarische Russland und das Osmanische Reich, die Hauptprotagonisten des Kalten Krieges, und heute sind das die EU, Russland und die USA. Mal wird der Balkan umworben, wie zur Zeit der beiden Weltkriege, mal von der Gegenwart vergessen, wie in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Doch zurück zum Ursprung des Wortes: Die erste Erwähnung des Balkans als Bezeichnung für das Gebirge ist in einer Schrift von dem aus Italien stammenden Diplomaten Filippo Callimaco im 15. Jahrhundert entdeckt worden. Auch deutsche Reisende, wie etwa Martin Grünberg, verwendeten in ihren Briefen die Bezeichnung Balkan. Erst auf Anfang des 19. Jahrhunderts ist die erste Verwendung des Begriffes „Balkanhalbinsel“ von August Zeune datiert.

Das, was mich am meisten beschäftigt, ist, wie ein „Altes Gebirge“ nicht nur für den Namen der Halbinsel beiträgt sondern bis heute im internationalen politischen Diskurs als ein Symbol für eine rückständige und unterprivilegierte Region steht. Der Begriff Balkan hat wenig mit präziser geographischer Bezeichnung gemeinsam, vielmehr war das mangelnde Wissen der Europäer über diese Region, das zu einer Verallgemeinerung der in diesem Teil Europas lebenden Völker beitrug. Diese bewusste Ignoranz führte dazu, dass man wenig Ahnung von den Menschen, den Kulturen und Traditionen „dort unten“ hatte und diese allesamt als unzivilisiert und brutal bezeichnet hat. Dieses unterschwellige Denken hat sich durch viele Etappen in der Geschichte verschärft. Als Beispiel könnte hier die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo 1914 genommen werden, die für die Europäer als ein Beweis für die Anarchie und Unzivilisiertheit der Balkanvölker galt.

Der Balkan durfte sich also nicht so ungezügelt benehmen, es hatten andere in Europa das Sagen. Auf sämtlichen Friedenskongressen, ob in Berlin 1878, Bukarest 1913 oder sogar in Dayton 1995 hatten die Großmächte das Schicksal dieser Region in die eigene Hand genommen. Doch wie schon im vorherigen Absatz erwähnt, fehlte denen das Gespür über diese Region. In dem Gewissen die Nationen gegeneinander auszuspielen und somit für Ruhe auf dem Balkan zu sorgen, haben die führenden Mächte unbewusst für neues Konfliktpotenzial gesorgt. Seitdem steht der Balkan für den „Hinterhof Europas“ oder das „Pulverfass Europas“. Wie auch immer man diese Region nennen will, sie gehört zu Europa und Europa muss dieses auch einsehen.

Dabei soll die EU aufhören, weder den Balkan als ein Ganzes zu sehen, noch einzelne Balkanstaaten zu bevorzugen, denn aus eigener Erfahrung sollte sie wissen, dass sie damit nur die benachteiligten Staaten, die sich ausgestoßen und nicht genug respektiert fühlen, von sich umso mehr entfernt. Das führt dazu, dass andere Staaten, wie Russland und die USA taktisch elegant diese anti-EU Ressentiments auffangen und sich in Europa sichere Basen aufbauen. Und das will doch die EU eigentlich vermeiden?

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