Die Sprache – eine soziale Zeitbombe?

Kruh, kruh, kruh (Brot auf Kroatisch) – bloß nicht hleb (Brot auf Serbisch)
sagen, sonst wurde man ganz böse angeschaut in der Bäckerei. Früher war das
egal, wo du welches Wort für „Brot“ benutzt. Klar, man konnte direkt erkennen,
woher du aus Jugoslawien kommst, aber das weckte mehr Neugierde als Abneigung.
Anders Ende der 90er. Da wurde die Sprache zum wichtigen Identifikationsmerkmal.

Als ich in Zagreb gelebt habe, war es schwierig für mich, diese feinen
Unterscheide zwischen Serbisch und Kroatisch zu verstehen, sie mir in den Kopf
zu brennen. Manchmal konnte dich ein einfaches „j“ oder „ij“ im Wort
disqualifizieren. („breg“ sagen die Serben, „brijeg“ die Kroaten, „lijepo“ auf
Kroatisch, „lepo“ auf Serbisch). In der Schule, beim Arzt, beim Einkaufen, im
Gespräch mit den Nachbarn, man musste immer hellwach sein, wenn man sprach. Die
Erinnerungen an den Krieg waren noch sehr frisch, die Gemeinsamkeiten mit
Serbien sollten ausgelöscht werden. Und so mussten wir uns in der Schule
(und im Fernsehen) anhören, welche neuen Wörter den kroatischen Wortschatz von
heute auf morgen bereichert haben. Zrakoplov (Helikoper), brzojav (Telegramm) –
jede Woche kamen neue Wörter hinzu. Die Sprache war nach dem Krieg das stärkste Instrument, seine Identität neu zu definieren, neu zu erfinden.

Die Rolle der Sprache wurde nicht nur in Kroatien stark diskutiert. Auch in
Bosnien und Herzegowina wurde die Sprache als Symbol für eine
Volkszugehörigkeit instrumentalisiert. In Sarajevo habe ich viele Menschen
getroffen und mit ihnen über Sprache und ihre Kraft, Gesellschaften zu
spalten, gesprochen. Hier was ich dabei gelernt habe.


Einen Tag erschienen die Zeitungen auf Kyrillisch, einen Tag auf Latein, auch
in der Schule habe man jede Woche abwechselnd auf Kyrillisch und Latein
geschrieben, erinnert sich Enisa Kadafa an ihre Schulzeit. Heute lehrt die
34-Jährige Deutsch als Fremdsprache an einer privaten Uni in Sarajevo. Ihr
Spezialgebiet sind die Sprachen und genau das gibt vor allem in Bosnien und
Herzegowina für die Politiker viel Stoff zum Zoff und für die Linguistin viel
Anlass zum Nachdenken:

„Die Sprache in Bosnien und Herzegowina spielt eine sehr wichtige Rolle, aber
weniger als Kommunikationsmittel, sondern als ein Politikum. Die Menschen in
Bosnien und Herzegowina und den Nachbarländern drücken durch die Sprache ihre
ethnische Identität aus – z.B. wenn einer zeigen möchte, dass er ein Serbe,
Bosniak oder Kroate ist, benutzt er bestimmte Wörter, die jeweils als Serbisch,
Kroatisch oder Bosnisch gelten. Die andere Funktion der Sprache ist ihre
politische Dimension – im Moment gibt es drei Amtssprachen, Bosnisch, Kroatisch
und Serbisch, politisch gesehen sind das drei Sprachen, linguistisch ist das
jedoch eine Sprache“, sagt Enisa.

Zur Zeit Österreich-Ungarns – von 1878 bis 1918 – wurden die ersten bosnischen
Grammatikbücher gedruckt. Eine Zeit, in der die bosnische Identität in der
Gesellschaft stark gefördert wurde. Doch dann zur Zeit Jugoslawiens wendete
sich das Blatt: Kroatisch-Serbisch, Serbo-Kroatisch, Kroatisch oder Serbisch,
Serbisch oder Kroatisch, Kroatisch und Serbisch, Serbisch und Kroatisch – alles
Bezeichnungen ein und der selben Sprache, die nach dem Vertrag in Novosad im
Jahr 1956 für die Sprachvarietäten, die auf den Territorien von Kroatien,
Serbien, Montenegro und Bosnien und Herzegowina gebraucht wurde. Damals wurde
die Standardisierung der gemeinsamen Sprache in Jugoslawien beschlossen und diese
sollte in den Zentren Zagreb und Belgrad „gemacht“ werden. Die Dominanz dieser
zwei Zentren bekam besonders Bosnien und Herzegowina zu jener Zeit zu spüren.
Laut dem Text des Vertrags sprachen die Menschen in Bosnien und Herzegowina
nur einen Dialekt.

Die neue Verfassung von Bosnien und Herzegowina nach dem Zerfall Jugoslawiens
hat die Lage nicht gerade vereinfacht: „Unsere Verfassung nennt drei
konstituierende Völker, Serben, Bosniaken und Kroaten – dazu kommen noch „die
anderen“, damit sind unter anderem Juden, Roma und andere Minderheiten
gemeint. Demnach nenne ich meine Sprache „ostalski“ („restliche Sprache“)“, sagt
Nenad Velickovic, Professor für Serbische Literatur an der Universität
Sarajevo, der nicht müde wird, die Sprachenpolitik und die sich verstärkende
Teilung der Gesellschaft zu kritisieren. „Für manche gibt es drei Sprachen, für
mich aber nicht“, sagt er. Velickovic schreibt alternative Schulbücher, so
nennt er sie. Denn die konventionellen geben nur die eine Seite
wider. Nur ein Schulbuch von ihm ist von der offiziellen Bildungskommission
gebilligt worden, die vielen anderen wurden abgelehnt. „Ich mache das seit
sechs-sieben Jahren. Ich bin Mitglied einer Kommission, die Schulbücher für
Sprache und Literatur analysiert. So sind wir zum Ergebnis gekommen, dass die
aktuellen Lernmaterialien veraltet sind, sie vermitteln den Kindern nicht auf
eine neutrale Art und Weise Informationen, die Auswahl der Texte ist ideologisch
motiviert. Das stärkt die nationalistische Ausrichtung der drei Ethnien, die in
Bosnien und Herzegowina präsent sind. Unser Bildungssystem ist nicht im Sinne
der Kinder, im Gegenteil: Der Sprachunterricht hält die Kinder in der
Vergangenheit fest, gebunden an nationalen Mythen – und das alles mit dem
Ziel, eine in ihrem Sinne nützliche Wählerschaft zu erziehen“, sagt Velickovic.

Prof. Velickovic spricht "ostalski"

Prof. Velickovic spricht „ostalski“

Es ist nicht nur der Sprachunterricht, der die Kinder voneinander trennt. Das
ganze Schulwesen ist darauf ausgerichtet. Die Konstitution sieht vor, dass
jeder auf seiner Muttersprache lernt. So kam es zur Teilung der Schulen, wo
nicht nur der Sprachunterricht geteilt wird, sondern ganze Schulen.

„Es ist schlimm, dass die Jugend in Bosnien und Herzegowina so getrennt
aufwächst. Die Jugendlichen von heute kennen dieses gemischte Zusammenlernen
vor dem Krieg nicht, sie wachsen in monoethnischen Umgebungen auf“, sagt der
Schriftsteller Ivan Lovrenovic. Er spricht von einer Autozensur in der Sprache,
bei der die Menschen ständig aufpassen müssen, wie und was man sagt.

„Franjo Tudjman, der in Jugoslawien aufgewachsen ist, musste dann als Präsident
Kroatiens Kroatisch erst lernen. Das war so lächerlich. Bei einer Veranstaltung soll
er gesagt haben, er sei „srecan“ (das ist das serbische Wort für ‚glücklich
sein‘. Die Kroaten sagen dazu „sretan“). Er muss danach 15 Tage nicht geschlafen
haben“, lacht Lovrenovic.

Auf die Frage, welche Sprache er sprechen würde, will Lovrenovic aber keine
klare Antwort geben. Das würde falsch interpretiert, egal was er sagen würden.
Denn alles reduziere sich auf die Nationalität, auf die ethnische
Volkszugehörigkeit.

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