Schuldgefühle

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Denkmal für die in Srebrenica ermordeten Menschen

„Ich bitte auf Knien darum, dass Serbien für das in Srebrenica begangene Verbrechen verziehen wird“, sagte Tomislav Nikolic in einem Interview für das bosnische Fernsehen. Ein Meilenstein in der Rhetorik, bedenke man bloß seine Vergangenheit.

Ob es ein Völkermord gewesen sei oder nicht, das solle erst einmal bewiesen werden. Aber alles, was auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens geschehen sei, habe Charakteristika des Genozids, sagte der serbische Präsident. So langsam nähert man sich der Wahrheit, so langsam schleicht sich Normalität ein. Es wurde auch Zeit. Dass das aber ausgerechnet vom Nationalisten Nikolic kommt, wer hätte damit gerechnet?

Noch vor wenigen Tagen, als ich in Belgrad war, hab ich ein Interview mit Nikolic gesehen. Von solchen Schuldgefühlen war nicht die Rede, aber erstaunlich oft brachte er die EU ins Spiel – und den Wunsch Serbiens, bald dieser Familie anzugehören. Was die aktuelle Aussage nun Bosnien und Herzegowina bringen wird, und vor allem den Menschen dort, weiß ich nicht. Ihre Väter, Kinder, Eltern, Verwandten, Freunde haben sie vor knapp 20 Jahren verloren. Doch mit oder ohne der Aussage von Nikolic, die meisten haben sich mit dem Schicksal abgefunden. Ich war vor einem Jahr in Srebrenica. Ich wollte mit den Menschen reden – ungezwungen, ohne Mikrofon, ohne Kamera.

Ich kann mich an einen Mann erinnern, sein Hobby seit langem – das Jagen. Er war ein Bosnjak, also Muslim, aus einem Dorf in der Nähe von Srebrenica. Noch heute gehe er gerne jagen, auch wenn das Alter nicht immer mitmachen will. Er gehe mit seinem Nachbarn jagen, dem Mann, der seinen Schwager und seinen Vater aus dem Haus gerissen und den Serben übergeben haben soll. „Er behauptet, er habe nicht gewusst, dass das mein Schwager gewesen sei. Doch das ist gelogen, meine Schwester war seine Lehrerin in der Schule, wir waren Nachbarn“, erzählte mir der Mann. Wieso er jetzt trotzdem mit ihm jagen geht, wollte ich wissen. Eine klare Antwort habe ich nicht bekommen: „Das ist meine Überlebensstrategie. Wenn Du überleben willst, musst du verdrängen können.“

 

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