Wie viele Eier kann ein Kind tragen?

Bulgarien, Ende der 80er Jahre. Ich war damals sechs Jahre alt. Frech, neugierig und pflichtbewusst! Zu meinen Pflichten gehörte das Einkaufen. Überhaupt, das war damals eben so in Bulgarien, da war Einkaufen einfach die Aufgabe der Kinder – und zwar jeden Tag!

Und so lief ich immer nach der Schule in einen „RUM“ – einen großen, grauen Supermarkt mit halbleeren Regalen: Brot, Feta, Würstchen, Klopapier, Öl, leckere Waffeln als Belohnung für die harte Einkaufsarbeit. Und Eier. Die hatten Schwierigkeitsgrad 5 – auf einer Skala von 1-5! Aber es war auch ein Privileg der „größeren“ Kinder, Eier kaufen zu dürfen. Mein kleiner Bruder zum Beispiel war damals neidisch, er durfte nämlich keine Eier besorgen!

Emballage-Papier – die Einheitsverpackung

Das Problem bei den Eiern: Es hab weder Eierkartons noch Plastiktüten. Überhaupt gab es einfach kaum Verpackungsmaterial. Käse- und Fleischprodukte hatten die Verkäuferinnen (Sorry, aber ich kann mich wirklich nicht an einen männlichen Verkäufer erinnern!) in sogenanntes Emballage-Papier eingewickelt. Das war ein graues, dickes Papier, das wer weiß wie oft recycelt wurde. Große Stapel davon lagen auf der Verkaufstheke. Und darin wurde einfach alles eingewickelt. Auch die Eier. Dazu hat man einfach aus dem grauen Papier einen Trichter gebastelt und die Eier ganz vorsichtig hineingezirkelt.

Eiertrichter mit Transportverlust

Die Kunst war jetzt, sie auch noch heil nach Hause zu bringen. Das ist mir selten gelungen, schließlich hatte ich es ja eilig! Auf mich warteten zum einen meine Freundinnen, zum anderen ein Kinderflim! Da war keine Zeit zu verlieren. Den Verlust von 1-2 Eiern musste ich in Kauf nehmen – den Ärger meiner Mutter auch! Bis ich irgendwann den Trick raus hatte: Einfach ein paar Eier mehr kaufen! Und wenn mal wieder ein Ei kaputt ging, habe ich es einfach entsorgt bevor ich zuhause war. Mit Allzweck-Einwickelpapier dann einfach die Reste abwischen und so tun, als ob man alles richtig gemacht habe. Dafür musste ich allerdings auf meine Waffel verzichten, denn das Geld reichte nicht für Extraeier und die Waffel. Der Trick hat lange Zeit ganz gut funktioniert!

Kein Plastik, keine Folie – Umweltbewußtsein pur! Oder?

Wenn ich diese Stories heute meinen Freunden in Deutschland erzähle, brechen diese immer fast in Jubelschreie aus: „Was für ein Umweltbewusstsein, wäre doch heute auch alles so einfach und schlicht!“ ABER dass wir Klopapier einzeln gekauft haben, dass der Käse in Emballage-Papier gewickelt wurde, dass man die leckeren Waffeln auf die Hand gekriegt hat und direkt reinbeißen konnte und, dass man keine Plastiktüten kannte, hatte nichts mit Umweltschutz zu tun! Da muss ich Euch leider alle enttäuschen. Sonst hätte man nicht die Heizung den ganzen Winter über voll aufgedreht und wenn es zu warm wurde, einfach das Fenster aufgemacht. Oder man hätte beim Zähneputzen auch nicht das Wasser drei Minuten an gelassen. Oder das Auto morgens erst einmal schön warm laufen lassen.

#IchNehmsOhne als Notlösung

Der Grund war einfach, dass wir wenig Verpackungen hatten. Und die wenigen, die es gab, wurden wiederverwertet als Brennmaterial für den Ofen. Tupperware, Frischhaltefolie, Alufolie – all das war westlich, ergo nicht erhältlich.

Und dann kam die Plastiktüten-Invasion Anfang der 90er Jahren, ziemlich zeitgleich mit der Demokratisierung und Westernisierung. Ab da war es schick mit Plastiktüten rumzulaufen. Meine Mama ist Lehrerin und hat immer Bücher und Hefte rumgeschleppt. Und selbst sie hat das alles in diese blauen Plastiktüten gepackt. Nach den blauen kamen die rosa Tüten. Im Geschäft bekam man seit da immer – egal was man gekauft hat – eine Tüte. Leider, ist diese Mentalität geblieben – bis heute. Umweltschutz ist noch nicht wirklich ein Thema in Bulgarien. Aber so langsam kommt es auch auf die Agenda – weniger auf die Agenda der Politik sondern der Menschen.

Dieser Artikel wurde auf ichnehmsohne.com am 13.01.2014 veröffentlicht.

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