Gefühlsausbruch

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Je öfter und je länger man auf dem Balkan ist, desto schwerer fallen einem die Abschiede. Da dieses Blog aber nicht für viele Gefühle gedacht ist, mache ich diesen auf einem Portal Luft, das eine Kollegin aus Republika Srpska vor wenigen Wochen ins Leben gerufen hat. Wenn ihr also „serbisch-kroatisch-bosnisch-montenegrinisch“ sprecht und die Gefühlsausbrüche von fünf Journalistinnen, die sonst Tag für Tag über harte Fakten berichten, ertragen könnt, klickt hierUnd meinen ersten Beitrag „TAMO GDJE ŽIVI DUŠA“ könnt ihr da auch lesen.

Die Kunst des Widerstands

Kein Widerstand, kein Prager Frühling, kein 17. Juni, kein 56er Aufstand. Bulgarien galt als der treueste Satellit der UdSSR, so ist das Land bis heute in Erinnerung geblieben. Die Liebe Sofias zu Moskau – grenzenlos. Todor Zhivkov soll mehrfach sein Land als 16. Sowjetstaat angeboten haben.

Nur Gehorsam also? In ganz Bulgarien? Nein! 

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Stillleben

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Die untergehende Sonne eilt hinter die Plattenbauten. Die letzten warmen Strahlen streicheln mein Gesicht. Ich blicke in die Ferne – und sehe vor mir die nächste Platte. Block 317, Block 403, Block 422 friedlich nebeneinander. Die Zahlenordnung – eine Antiordnung. Kleine Balkonkästchen soweit das Auge reicht. Tetris Level 12, alles akkurat dicht an dicht gebaut.

Keine Luft dazwischen.

Ich atme tief ein.

Es ist der Geruch von gebratenem Paprika, der meine Gedanken im Griff hat. Die Zeitmaschine bringt mich Jahre zurück. Balkan-Express – in die Vergangenheit mit Lichtgeschwindigkeit. In die Zukunft – hält an jeder Haltestelle. Ein Viertel Jahrhundert Transformation, ein Viertel Jahrhundert Hoffnung – mehr Plattenbauten, weniger Demokratie. Sofia, Mladost 4, Juli 2016.

Bulgariens Rechtsruck

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Zavisa Bjelogrlic / CC BY-NC-ND 2.0


Arrogant, selbstgefällig, das Gegenteil von eloquent, um nicht zu sagen plump – so spricht Boyko Borissov, Bulgariens Ministerpräsident. Man kennt seine Art, nach sieben omnipräsenten Jahren fällt es einfach nicht mehr auf. Vieles, was er sagt, wird überhört – ach, das hat er doch nicht so gemeint. In Deutschland hätte er für sein Gerede schon den Hut nehmen müssen, in Bulgarien nicht.

Auch als er vor wenigen Tagen das hier gesagt hat:

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MfG, Brüssel

Habt Ihr nicht unsere Empfehlungen vom letzten Jahr gelesen?

Wo bleiben Eure funktionierenden Institutionen?

Wieso wuchert das Geschwür der Korruption bei Euch?

Antwortet doch wenigstens! Mehr noch – unternehmt endlich was!

MfG

Brüssel

Frans Timmermans, EU-Kommissar und erster Stellvertreter Junckers, hat es heute etwas milder und diplomatischer ausgedrückt. Ist halt sein Job. Wer weiß, was ihm eigentlich auf der Zunge lag. Zugegeben, ich habe das ein bisschen zugespitzt – aber dann versteht man es auch besser. Denke ich.

Heute war es wieder soweit. Die Spannung am Morgen konnte man in den einschlägigen sozialen Medien spüren: Wo bleibt der EU-Bericht, fragte sich die interessierte bulgarische Twittergemeinde. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Politiker bestimmt noch eine letzte Hoffnung, dass dieser ominöse Bericht erst gar nicht erscheint. Schließlich hat Brüssel derzeit echt viel auf dem Tisch: Polen, Ungarn, Sicherung der Außengrenzen. Da könnte doch das kleine, unbedeutende Bulgarien aus dem Fokus geraten sein. Doch nein, so ein Pech – da ist ja der Bericht und er sieht mal wieder nicht rosig aus. Oben drein wurde heute der Korruptionsindex von Transparency International veröffentlicht. Auch der lässt Bulgarien nicht gerade gut dastehen (Bulgarien ist auf Platz 69 hinter Lesotho, Senegal, Bahrain, Kuba, Ghana, u.a.)

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Und hinzu kam noch, dass Rumänien, das auch heute sein EU-Zeugnis ausgestellt bekommen hat, wie ein Musterschüler daher kommt. „Shit happens“, sagen sich die bulgarischen Politiker. Aber muss es every year the same shit sein, frage ich mich.

Kleiner Rückblick: Seit 2007 stellt Brüssel regelmäßig, inzwischen nur einmal im Jahr, so ein Zeugnis über – wie es so schön heißt – „die Maßnahmen Bulgariens zur Reform der Justiz und zur Bekämpfung von Korruption und organisierter Kriminalität im Rahmen des Kooperations- und Kontrollverfahrens (CVM)“. Herrlich diese EU-Sprache. D.h. Brüssel „monitort“, was Bulgarien macht, oder auch nicht und spricht Empfehlungen aus. Seit Jahren sage ich: Nur gucken reicht nicht. Empfehlungen werden dankend angenommen und landen dann in Ablage P. Am Ende machen die da in Sofia eh was sie wollen. Wieso nicht ein bisschen strenger: Mahnungen, Sanktionen, irgendwas. Brüssel sollte nicht erst dann eingreifen, wenn die Demokratie den Bach runter geht. Siehe Polen und Ungarn. Bitte schon vorher – denn in Bulgarien sieht es nur so aus, als ob es eine Demokratie gäbe. In Wahrheit ist es eine Demokratur, wo politische Eliten das ganze Land kontrollieren und das Denken manipulieren.

Das steht im Bericht natürlich nicht so deutlich. Reinschauen lohnt sich aber auf jeden Fall trotzdem. Achtung: Behördensprache. 

Mach’s anders, Rumänien!

Das mit der Demokratie habt ihr euch anders vorgestellt, liebe Osteuropäer, oder? Außer Demos nichts gewesen. Aber es reicht nicht, nur laut zu schreien und kreative Plakate zu malen. Es reicht einfach nicht.

Ja, es ist ein tolles Gefühl. Gänsehaut. Vor zwei Jahren hatte Bulgarien einen ähnlichen Rausch. Auf einmal waren alle da unten gegen die Mächtigen da oben. Tagelang, wochenlang, monatelang haben die Bulgaren die Straßen zu einem Ort der Hoffnung gemacht. Ein Land im Ausnahmezustand. Ein Land, das aus seinem post-sozialistischen Koma erwacht ist.

Zwei Jahre später – nichts. Die selben Leute ziehen die Fäden im Hintergrund. Die Korruptionsnetze funktionieren besser denn je, Richter und Staatsanwälte fungieren als Schutzschilde der Mafiastrukturen aus Politik und Wirtschaft. Akten verstauben in den Tiefen der Staatsanwaltschaft, während Banken gestützt mit Steuergeldern pleite gehen, Staatsunternehmen nach ausgeklügelten Schemata verkauft und Medien zu PR-Instrumenten werden. Die Jugend läuft in Scharen davon, ohne Absicht je zurückzukommen. Verjagt von der Generation, die sich selber als die Pioniere der Demokratie verstehen, als die Architekten eines neuen Bulgariens.

Rumänien, mach’ es anders. Sonst endest Du so wie dein Nachbar im Süden. Willst Du das wirklich?

Nach den Wahlen ist vor den Wahlen

Die Bulgaren haben vergangenen Sonntag gewählt. Keine große deutsche Zeitung hat darüber berichtet. Zurecht. Ist doch nichts passiert. Aber genau deswegen ist es so wichtig, über diese Kommunalwahlen zu sprechen.

Die Alten sind die Neuen. Die Seilschaften bleiben, werden dadurch nur bestätigt. Die Geschäfte laufen wie gewohnt weiter und Maschinerie aus Korruption und Vetternwirtschaft schnurrt wie ein Kätzchen.

In meiner Geburtsstadt Burgas wurde der Bürgermeister erneut im Amt bestätigt. Zum dritten Mal. Mit 84 Prozent. Wären sie nicht schon längst gestorben, hätte sich der eine oder andere KP-Parteisekretär über so ein Wahlergebnis gefreut. Und viel von Dimitar Nikolov gelernt, wie der erfolgreiche Politiker heißt.

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