Hasssprache? Is‘ schon OK!

Freispruch für einen Kriegstreiber, der mit seinen hasserfüllten Parolen gegen Kroaten und Muslime und seinem Plan von einem Großserbien die Geschichte und die Geschehnisse auf dem Balkan der 90er Jahre maßgeblich geprägt hat. Und in gewisser Weise immer noch tut – mit seinen öffentlichkeitswirksamen Auftritten, bei denen sämtliche Flaggen brennen – egal ob kroatische, europäische oder die der NATO. Experten prophezeien ihm bei den Wahlen in Serbien am 24. April Gewinne mit zweistelligen Prozenten. Seine Partei heißt: Serbische Radikale Partei. Und er ist Vojislav Šešelj.

Weiterlesen

MfG, Brüssel

Habt Ihr nicht unsere Empfehlungen vom letzten Jahr gelesen?

Wo bleiben Eure funktionierenden Institutionen?

Wieso wuchert das Geschwür der Korruption bei Euch?

Antwortet doch wenigstens! Mehr noch – unternehmt endlich was!

MfG

Brüssel

Frans Timmermans, EU-Kommissar und erster Stellvertreter Junckers, hat es heute etwas milder und diplomatischer ausgedrückt. Ist halt sein Job. Wer weiß, was ihm eigentlich auf der Zunge lag. Zugegeben, ich habe das ein bisschen zugespitzt – aber dann versteht man es auch besser. Denke ich.

Heute war es wieder soweit. Die Spannung am Morgen konnte man in den einschlägigen sozialen Medien spüren: Wo bleibt der EU-Bericht, fragte sich die interessierte bulgarische Twittergemeinde. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Politiker bestimmt noch eine letzte Hoffnung, dass dieser ominöse Bericht erst gar nicht erscheint. Schließlich hat Brüssel derzeit echt viel auf dem Tisch: Polen, Ungarn, Sicherung der Außengrenzen. Da könnte doch das kleine, unbedeutende Bulgarien aus dem Fokus geraten sein. Doch nein, so ein Pech – da ist ja der Bericht und er sieht mal wieder nicht rosig aus. Oben drein wurde heute der Korruptionsindex von Transparency International veröffentlicht. Auch der lässt Bulgarien nicht gerade gut dastehen (Bulgarien ist auf Platz 69 hinter Lesotho, Senegal, Bahrain, Kuba, Ghana, u.a.)

omas esel

omas esel

Und hinzu kam noch, dass Rumänien, das auch heute sein EU-Zeugnis ausgestellt bekommen hat, wie ein Musterschüler daher kommt. „Shit happens“, sagen sich die bulgarischen Politiker. Aber muss es every year the same shit sein, frage ich mich.

Kleiner Rückblick: Seit 2007 stellt Brüssel regelmäßig, inzwischen nur einmal im Jahr, so ein Zeugnis über – wie es so schön heißt – „die Maßnahmen Bulgariens zur Reform der Justiz und zur Bekämpfung von Korruption und organisierter Kriminalität im Rahmen des Kooperations- und Kontrollverfahrens (CVM)“. Herrlich diese EU-Sprache. D.h. Brüssel „monitort“, was Bulgarien macht, oder auch nicht und spricht Empfehlungen aus. Seit Jahren sage ich: Nur gucken reicht nicht. Empfehlungen werden dankend angenommen und landen dann in Ablage P. Am Ende machen die da in Sofia eh was sie wollen. Wieso nicht ein bisschen strenger: Mahnungen, Sanktionen, irgendwas. Brüssel sollte nicht erst dann eingreifen, wenn die Demokratie den Bach runter geht. Siehe Polen und Ungarn. Bitte schon vorher – denn in Bulgarien sieht es nur so aus, als ob es eine Demokratie gäbe. In Wahrheit ist es eine Demokratur, wo politische Eliten das ganze Land kontrollieren und das Denken manipulieren.

Das steht im Bericht natürlich nicht so deutlich. Reinschauen lohnt sich aber auf jeden Fall trotzdem. Achtung: Behördensprache. 

Brief an den Weihnachtsmann

Lieber Weihnachtsmann, ich weiß, du hast im Moment echt viel zu tun und ich weiß sehr wohl, dass ich das Alter für solche Briefe längst überschritten habe, aber es gibt ein paar Sachen, für die fühlt sich irgendwie keiner zuständig. Und Du behauptest ja, Du könntest Wünsche erfüllen. Daher wende ich mich hoffnungsvoll an dich.

Und hier meine kleine aber äußerst dringende Wunschliste:

Dieses Jahr haben die Kandidaten bei den Kommunalwahlen meiner Oma mal wieder mehr Rente versprochen. Und sie hat ihnen mal wieder geglaubt – vergebens. Also könntest Du bitte dafür sorgen, dass Oma etwas mehr als die üblichen 250 Leva (125 Euro) im Monat kriegt. Die paar Kröten reichen noch nicht mal für das Holz für den Winter. Und komm mir nicht mit Klimawandel und Erderwärmung. Bei dir am Nordpol mag ja der ein oder andere Eisberg verschwunden sein, aber in Bulgarien im Dorf von meiner Oma kann es echt kalt werden im Winter. Delikatesse made in Bulgaria

Ich schicke ihr gerne Geld, so ist es nicht. Ich brauche wirklich nicht viel. Und sie schickt mir dann immer zu Weihnachten diese leckeren Sachen (siehe Foto). Wundere Dich nicht, die Lukanki (bulgarische Wurst) müssen noch trocknen und deswegen habe ich sie auf den Wäscheständer gehangen. Na jedenfalls Oma muss das Dach machen, es tropft von oben. Sie wohnt jetzt nur in einem Zimmer und seitdem Opa gestorben ist, ist sie sehr einsam. Wäre das Dach OK, könnten in dem Zimmer irgendwelche Flüchtlinge leben, die täglich an ihrer Tür vorbei ziehen (sie lebt an der türkisch-bulgarischen Grenze). Allein sein sei nicht auszuhalten, sagt sie. Davor habe ich übrigens auch Angst im Alter. Hätte sie Skype, wäre das Alleinsein denke ich kein Problem. Aber auf dem Dorf gibt es kein Internet. Einige Omis hatten mal ein Schreiben an den „Bürgermeister“ geschickt mit der Bitte, dass er irgendwas dagegen macht. Er ließ verlautbaren, man solle nicht allen Trends nachrennen und im Sozialismus hatten sie sowas ja auch nicht, wozu also jetzt.

Wenn Du das mit meiner Oma geregelt hast, könntest Du dann bitte dem einen Politiker, der meine Bekannten aus Burgas bedroht, keine Geschenke bringen? Die beiden sind Journalisten und veröffentlichen regelmäßig Fakten über seine Mafiageschäfte auf ihrer Onlineplattform. Jetzt will er die beiden fertig machen. Ich denke nicht, dass er irgendwelche Geschenke verdient hat. Du weißt schon, von wem ich spreche, oder?

Ach so, dann notier doch bitte auch, dass ein ehemaliger Minister, der den Polizisten, der den afghanischen Flüchtling an der Grenze erschossen hat, mit dem Ehrenorden auszeichnen wollte, auch keine Geschenke zu kriegen hat. Und der, der den Bulgaren neulich verboten hat, Speck zu essen und Alkohol zu trinken und Zigaretten zu rauchen. Er meinte, solche würden nicht mehr medizinisch versorgt werden, weil sie ja selber schuld seien, dass sie ihr Leben riskieren. Mein Onkel liebt Speck und raucht, für das letzte sei Tante schuld gewesen, sagt er. OK, jetzt sind’s schon drei Politiker geworden, aber eigentlich kannst du dieses Jahr für alle die Geschenke streichen – keine weiteren Autos, keine Hotels, keine Fabriken, und schon gar nicht Geld. Die haben reichlich davon.

Weiterlesen

Mach’s anders, Rumänien!

Das mit der Demokratie habt ihr euch anders vorgestellt, liebe Osteuropäer, oder? Außer Demos nichts gewesen. Aber es reicht nicht, nur laut zu schreien und kreative Plakate zu malen. Es reicht einfach nicht.

Ja, es ist ein tolles Gefühl. Gänsehaut. Vor zwei Jahren hatte Bulgarien einen ähnlichen Rausch. Auf einmal waren alle da unten gegen die Mächtigen da oben. Tagelang, wochenlang, monatelang haben die Bulgaren die Straßen zu einem Ort der Hoffnung gemacht. Ein Land im Ausnahmezustand. Ein Land, das aus seinem post-sozialistischen Koma erwacht ist.

Zwei Jahre später – nichts. Die selben Leute ziehen die Fäden im Hintergrund. Die Korruptionsnetze funktionieren besser denn je, Richter und Staatsanwälte fungieren als Schutzschilde der Mafiastrukturen aus Politik und Wirtschaft. Akten verstauben in den Tiefen der Staatsanwaltschaft, während Banken gestützt mit Steuergeldern pleite gehen, Staatsunternehmen nach ausgeklügelten Schemata verkauft und Medien zu PR-Instrumenten werden. Die Jugend läuft in Scharen davon, ohne Absicht je zurückzukommen. Verjagt von der Generation, die sich selber als die Pioniere der Demokratie verstehen, als die Architekten eines neuen Bulgariens.

Rumänien, mach’ es anders. Sonst endest Du so wie dein Nachbar im Süden. Willst Du das wirklich?

Nach den Wahlen ist vor den Wahlen

Die Bulgaren haben vergangenen Sonntag gewählt. Keine große deutsche Zeitung hat darüber berichtet. Zurecht. Ist doch nichts passiert. Aber genau deswegen ist es so wichtig, über diese Kommunalwahlen zu sprechen.

Die Alten sind die Neuen. Die Seilschaften bleiben, werden dadurch nur bestätigt. Die Geschäfte laufen wie gewohnt weiter und Maschinerie aus Korruption und Vetternwirtschaft schnurrt wie ein Kätzchen.

In meiner Geburtsstadt Burgas wurde der Bürgermeister erneut im Amt bestätigt. Zum dritten Mal. Mit 84 Prozent. Wären sie nicht schon längst gestorben, hätte sich der eine oder andere KP-Parteisekretär über so ein Wahlergebnis gefreut. Und viel von Dimitar Nikolov gelernt, wie der erfolgreiche Politiker heißt.

Weiterlesen

Mein Staat, der Verbrecher

Vom vierten Stock aus erscheint die große Grube ganz schön gruselig. Wildwuchs, Sumpf, Betonklötze. Sie ist blickdicht eingezäunt. Die Passanten bemerken gar nichts. Deswegen wussten nur wenige, was sich dahinter verbirgt. Nur die Nachbarn, aber auch nur die ab dem 3. Stockwerk. Es war mal eine Garage, hätte eine sein sollen, zur Förderung der städtischen Infrastruktur, dann hat der eine Investor sie verkauft, der nächste hat sie weiterverkauft, am Ende hat irgendjemand viel Geld kassiert und eine Baugrube hinterlassen. Assen Yordanov lehnt sich über seinen Balkon und schaut zur Grube hinab. So enden die meisten Geschäfte in Bulgarien:

„Siehst du da drüben, auf der anderen Seite des Sumpfes ist das Gebäude der Staatsanwaltschaft. Es war früher die Festung der bulgarischen Kommunistischen Partei in der Stadt Burgas. Es sieht aus wie ein gigantischer Bunker. Es wurde so gebaut, dass es einen direkten Bombenangriff übersteht. Ich habe viele Korruptionsfälle aufgedeckt, in denen öffentliche Gelder missbraucht wurden. Ich habe Beweise vorgelegt, Beschwerden eingelegt, doch diese Fälle verstauben in den Akten hier und keiner wird zu Rechenschaft gezogen. Für mich erfüllt dieses Gebäude die gleiche Funktion in zwei verschiedenen Gesellschaften, nur dass früher die Kommunistische Partei das verbrecherische Regime unterstützt hat und jetzt ist es die Justiz. Heute stehen die bulgarische Staatsanwaltschaft und viele Richter als Schutzschild vor kriminellen Gruppen.“

Weiterlesen

Mitten im Nichts

Nichts: Substantiv, Neutrum (das Nichts), Synonyme: Leere, Null, Vakuum.

Anders ausgedrückt: Eine Landstraße, wenige Bäume, die in der Hitze Schatten spenden können, Wildwuchs drum herum, kein Trinkwasser, kein Essen, keine Hoffnung weit und breit. Und zwischen diesem Nichts Menschen aus Afghanistan, geflüchtet vor Krieg, vor Elend und Perspektivlosigkeit auf der Suche nach einem neuen Leben in Westeuropa. Doch jetzt sind sie in Serbien, in diesem Nichts, wo sie die Taxis, für die sie gutes Geld bezahlt haben, hierher gebracht haben. Angeblich soll sie ein Bus abholen in Richtung Ungarn, doch dieser kommt nicht und wird auch nie kommen. So funktioniert das Geschäft mit der Hoffnung der Flüchtlinge. Ein Helfer vom Arbeiter-Samariter-Bund Serbien beschreibt die Lage in diesem Nichts wie folgt: